^Seitenanfang
foto1 foto2 foto3 foto4 foto5

Das Logenhaus

Das Lübecker Logenhaus im Wandel der Zeiten

LogenhausIm Herzen der Stadt – und das darf gern auch sinnbildlich verstanden werden – nur unweit des Rathauses in verkehrsberuhigter Seitenstraße erhebt sich das in seiner unverkennbaren neuklassizistischen Bauweise auf dem Eckgrundstück St.-Annen-Straße / Schildstraße (vormals Aegidienstraße) errichtete Lübecker Logenhaus und lädt den Betrachter zur inneren Einkehr ein.
Städtebaulich befindet sich das Logenhaus im heute volkstümlich bezeichneten „Aegidien-Viertel“, wie dieser Stadtteil bereits bis zum Ende des 15. Jahrhunderts hieß, wenn auch unter dem Namen „Aegidien-Kirchspiel“ – ehe es im Zuge der Neueinteilung durch Ratsbeschluss der Stadt den Namen „Johannes-Quartier“ zugeteilt bekam, denn seinerzeit wurde die gesamte Innenstadt neu in vier Stadtquartiere gegliedert, die sämtlich nach einem Schutzpatron benannt wurden; so wurden das „Jacobi-Quartier“ nach dem Heiligen Jacobus und die beiden restlichen, nämlich das „Maria-Magdalena-Quartier“ nach der Heiligen Maria-Magdalena und das „Marien-Quartier“ nach der Jungfrau Maria benannt.
Bei dem bis heute unvergessenen Luftangriff auf Lübeck (Bombardierung der Innenstadt) in der Palmsonntagnacht 1942 (28./29. März) durch die alliierten Kriegsgegner blieb das Logenhaus wie durch ein Wunder unversehrt; dies gilt auch für die beiden benachbarten Gotteshäuser, die im 13. Jahrhundert gebaute und seit dem 14. Jahrhundert äußerlich unveränderte Aegidienkirche wie für die Synagoge, die in der Pogromnacht (09.11.1938) von den Nationalsozialisten verwüstet und geschändet und später ihrer kupfernen Kuppel beraubt wurde. Schon in 50 Meter Abstand fielen zahlreiche Wohn- und Geschäftshäuser in Schutt und Asche zusammen.
Von jeher muss es für die jeweiligen Eigentümer eine bevorzugte Wohnlage gewesen sein, denn als die Johannis-Loge „Zum Füllhorn“ 1861 das Grundstück St.-Annen-Straße 2 erwarb, waren – so besagt es eine bis ins Jahr 1340 zurückreichende im Foyer des Logenhauses aushängende Chronik – von den insgesamt 36 Voreigentümern nicht weniger als sechs Bürgermeister und fünf Ratsherrn gewesen, denen das besagte Anwesen gehörte.
Und seitdem, als die Loge das Anwesen von den Erben des verstorbenen Hofrates und Betreibers des deutschlandweit ersten Orthopädischen Institutes Dr. med. M. L. Leithoff erwarb, befindet sich dieses – von kriegsbedingter Enteignung im Jahr 1914 und von 1936 bis 1950 abgesehen – im Eigentum der Loge „Zum Füllhorn“
Grund für den Grundstückskauf, dem kurz darauf auch der Erwerb von insgesamt sechs weiteren kleinen Nachbar-Parzellen in der Schildstraße folgten, die seinerzeit noch Aegidienstraße hieß und die südliche Straßenseite ringsum der Aegidienkirche umfasste, war die Tatsache, dass die im Jahr 1772 gegründete Loge praktisch aus allen Nähten platzte und ihr Mietverhältnis bei ihrer Tochter-Loge, der 1779 gegründeten Loge „Zur Weltkugel“, die inzwischen ihr eigenes Haus in der Mengstraße besaß, beenden wollte, um also von ihr unabhängig zu sein.
Nach rd. 20 Jahren „Arbeit“ im seinerzeit noch eingeschossigen Haus wurde dieses im Jahr 1883 durch ein neues zweigeschossiges ersetzt.
Die weiter steigende Mitgliederzahl veranlasste die Loge, in den 1920er Jahren an der westlichen Seitenfront einen dreigeschossigen sog. Wirtschaftsflügel anzubauen.
Zugleich wurde die bisherige zur Schildstraße zeigende Stirnfront dem äußeren Erscheinungsbild des Anbaues angepasst und auch der dortige Eingang verbreitert, „modernisiert“ könnte man sagen, denn zu beiden Seiten des Eingangsportals wurde je eine Säule in Ionischer Bauart errichtet, die freimaurerisch symbolisierend den Eingang zum Tempel darstellen sollten.
Ebenfalls wurde der zuvor noch vorhanden gewesene Eingang in der St.-Annen-Straße verschlossen und dem Fenster-Ensemble angeglichen. Zudem wurden im Obergeschoss (Beletage) an der östlichen Außenwand Pilaster mit verkröpften Abschlüssen eingesetzt, die optisch den Säulen im neu gestalteten Eingang angeglichen sind.
Ob die vor diesem Erweiterungsbau vorhanden gewesenen Giebel-Aufbauten auf der Längsfront (St.-Annen-Straße) auch mit abgerissen oder erst später während der Enteignungszeit (1936-1950) entfernt wurden, ist heute nicht mehr nachzuweisen.
Gleiches gilt für architektonisch wertvolle Bauelemente im Innern des Hauses, sowohl im Foyer wie in den zahlreichen Tempelräumen, in denen die Loge „Zum Füllhorn“ wie auch die Logen „Zur Weltkugel“, „Zur Weltbruderkette“, verschiedene in Lübeck etablierte Frauenlogen und die „Odd Fellows“ ihre rituellen Arbeiten hinter verschlossenen Türen abhalten.
Der Zweite Weltkrieg gilt in Freimaurerkreisen als sog. „dunkle Zeit“. Für die
Loge „Zum Füllhorn“ bedeutete dies, dass sie neben dem von den Nationalsozialisten ausgesprochenen Verbot jeglicher freimaurerischer Tätigkeit 1936 enteignet wurde und das Logenhaus erst 1950, nachdem die ehemaligen Kriegsgegner die Freimaurerei wieder erlaubt hatten, zurückübereignet bekam.
Während dieser Zeit wurde das Logenhaus zweckentfremdet als Stadtarchiv genutzt – leider nicht immer sorgsam behandelt.
Im Treppenaufgang befand sich vor der Enteignung eine hölzerne Figur Johannis des Täufers, dem Schutzpatron der Freimaurer. Diese wurde von den Nationalsozialisten entfernt und 1940 durch eine Kalksandsteinfigur Heinrich des Löwen ersetzt, welcher zuvor den 1873 erstellten und auf Geheiß des Denkmalrates der Stadt Lübeck 1931 demontierten Marktbrunnen geziert hatte. Noch heute blickt diese Figur majestätisch erhaben über dem Aufgang zu den oberen Räumen des Logenhauses.
Doch auch Johannis der Täufer ist in das Logenhaus zurückgekehrt. Seit 1975 ziert ein neuer mannshoher, aus Holz geschnitzter Johannis das Foyer des Logenhauses, auf dessen Sockel die freimaurerische Losung „Ändert Eueren Sinn“ in hebräischer Schrift zu lesen ist.
Sehenswert im Innern sind darüber hinaus zahlreiche Fensterbilder mit verschiedenen freimaurischen Symbolen, die alle nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind und Zeugnis geben von den vielfältigen künstlerischen Ideen und architektonischen Fähigkeiten der sie geschaffenen Logenmitglieder.
Als jüngstes ihrer Art sei an dieser Stelle – stellvertretend für alle – das aus dem Jahr 2004 stammende, nach modernsten Gesichtspunkten entworfene 3,50 Meter hohe Treppenhausfenster genannt, welches symbolisch das „allsehende Auge Gottes“ erkennen lässt, und zwar von innen wie von außen gleichermaßen leuchtend – unübersehbar positioniert hoch oben in der abgeflachten Hausecke.
Trotz der Kriegseinwirkungen konnte darüber hinaus eine ganze Anzahl von Öl-Porträts früherer Logenmeister gerettet werden, die ihren Platz in verschiedenen, auch der Öffentlichkeit zugänglichen Räumen erhalten haben und nunmehr posthum an ihr Wirken, insbesondere an ihre Verdienste um ein friedfertiges Miteinander von Nichtfreimaurern und Freimaurern erinnern sollen.

saal01              

Neben den internen Logenarbeiten finden im Logenhaus auch wiederholt öffentliche Veranstaltungen und Feiern aller Art statt, wie Hochzeitsfeiern, Empfänge und Konzerte, anlässlich derer die besondere Akustik im Großen Festsaal immer wieder Beachtung findet. 
Das gilt auch für zahlreiche Vitrinen, in denen Freimaurerschmuck der unterschiedlichsten Art ausgestellt und damit auch Außenstehenden ein kleiner optischer Eindruck über die freimaurerische Ritualien gewährt wird.
In Würdigung der architektonischen wie der historischen Bedeutung des Gebäudes als Zeugnis der Geschichte der Freimaurer in Lübeck hat die Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck im Jahr 2012 das Lübecker Logenhaus als Denkmal von besonderer Bedeutung anerkannt.